Themenkreis: Dekolonisation
"Hat unsere Welt hat den gesunden Menschenverstand verloren ?"
„Es entspricht keinerlei Form von gesundem Menschenverstand, unseren Planeten
und unsere Lebensgrundlagen bzw. diejenigen der kommenden Generationen
auszubeuten und zu zerstören“
Die landläufig häufigste Form des gesunden Menschenverstandes in Europa und Nordamerika ist diejenige, in der Menschen in kulturellen und ethnischen, von westlichen Gesellschaften geschaffenen Konventionen oder Übereinkünften geprägt aufwachsen, erzogen und eingeschult werden; sie betrifft zur Hauptsache Menschen in der ersten Lebenshälfte oder solche, die in ihrer Entwicklung dort „hängengeblieben“ sind.
Dazu ist zu sagen, dass allerdings heute davon ausgegangen wird, dass das ursprünglich natürliche, reine, zum Teil auch noch vorsprachliche, durch schulische Erziehung noch nicht verformte Erkennen eines Kindes – „mit den grossen, staunenden Augen eines Kindes“ – noch eine Form von tiefgründigem, achtsamem Verstehen widerspiegelt, das bei der spirituellen Form von gesundem Menschenverstand in einem damit wesentlich veränderten Verständnis im Blogbeitrag "Vernunft als Weisheit erleben" antreffen können.
Wir können sagen, dass gesunder Menschenverstand im Grossen und Ganzen gleichzusetzen ist damit, sich in einem Kollektiv normal, vernünftig und spontan den gängigen Normen entsprechend zu verhalten. Diese Form des gesunden Menschenverstandes müssen wir als labil, unreif und ungesund bezeichnen, weil sie oft und nach neusten neurowissenschaftlichen Erkenntnissen auch wirtschaftlich, politisch und ideologisch beeinflusst und/oder verzerrt wird und eine damit verknüpfte „Vernunft“ oft dahingehend beeinflusst wird, um Menschengruppen zu manipulieren – Beispiel: Konsumindustrie oder populistisch-politische Radikalisierung. In dieser Art von Vernunft erleben wir eine Form der vereinnahmten, ungesunden Kolonisation unserer Lebensweise.
Eine krasse Zuspitzung und Entgleisung davon erleben wir aktuell gerade in den weltweit ausgetragenen kriegerischen, völkerrechtswidrigen Aktivitäten angeführt von sog. „Leadern der Welt“ und ihren Administrationen - denen es in diesem Sinn im wahrsten Sinne des Wortes an gesundem Menschenverstand - ganz zu schweigen von Weisheit - fehlt, die geradezu den Verstand verloren zu haben scheinen.
Der Einbezug des sehr einleuchtenden, neurowissenschaftlichen Modells von Ian McGilChrist unterstützt natürlich diese hier ausgeführte Betrachtung, indem durch die kollektive Linke-Hirnhälfte-Dominanz in westlichen Gesellschaften wir nicht mehr von einer ursprünglichen Form der Vernunft sprechen können. Auf eine solche kann vor diesem Hintergrund nur bei einer ausgewogenen, gleichzeitigen Aktivität der linken und rechten Hirnhälfte zugegriffen werden.
Die Abwesenheit von ausgeglichener Hirnhälften-Aktivität, praktischer, lebenserfahrener und tiefgründiger Vernunft in weiten Teilen unserer westlichen Gesellschaft wird im Kontext einer einseitig technokratischen Ausrichtung (Anthropozän) sichtbar – z. B. im Zusammenhang mit Leistungs-, Effizienzsteigerungen und Automation. Es entspricht keinerlei Form von gesundem Menschenverstand, unseren Planeten und unsere Lebensgrundlagen bzw. diejenigen der kommenden Generationen auszubeuten und zu zerstören. Was kann daran vernünftig sein, wenn wir den Ast absägen, auf dem wir sitzen? In diesem Verständnis ist der aktuelle westliche Mainstream-Lebensstil in seiner Hauptstossrichtung ausgesprochen unvernünftig.
Im Kontext einer tiefgründigen Klarheit und natürlichen Ordnung in einer spirituell unterlegten Form von Vernunft ist auch zu erwähnen, dass der vermehrte Einsatz von KI – von künstlicher Intelligenz – heute zu einer weiteren Abnahme von praktischer Weisheit im Alltag führt und geführt hat. Relative Weisheit, die sich als gesunder Menschenverstand ausdrückt, ist nicht mit dieser Art von einseitig technologischem „Fortschritt“ vereinbar; sie zeigt die starke Tendenz, für sich alleine, ohne eine Lenkung und Begrenzung durch Weisheit, in die falsche Richtung zu gehen.
Diese Art des "(un)gesunden Menschenverstandes" in westlichen Gesellschaften hat aus den ausgeführten Gründen ihre vertrauensvolle Verlässlichkeit verloren, gerade auch weil ihr die ursprüngliche, kindlich-unschuldige Tiefgründigkeit durch konventionelle Erziehung, Linke-Hirnhälfte-Dominanz und Leistungsorientierung abhandengekommen ist.
Es ist darum gut vorstellbar, dass der gesunde Menschenverstand bei Kindern, die z. B. in Steiner- bzw. Waldorf-Schulen oder viele Jahre in der Pfadfinderbewegung viel in der freien Natur verbracht haben und mit entsprechend orientierten Eltern ganzheitlicher eingeschult und erzogen wurden, sich auf diese Weise eine authentischere Form davon erhalten hat.*
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*) Dieser Text im Blog ist ein leicht angepasster Auszug aus meinem Buch "EDERHOOD - Neue, faszinierende Perspektiven für das ALT&WEISE-Werden"