Themenkreis: Dekolonisation
"Ver-rückte Hirnhälften - die Dekolonisierung unseres Hirns "
Ausführungen zum 6. Leitsatz der Ganzheitlichen Weltsicht:
„Um eine Ganzheitliche Weltsicht leben zu können, benötigen wir als Menschen eine Ausgeglichenheit und Interaktivität der Hirnhälften - in dem wir die Aktivität der linken Hemisphäre (dominant im Westen), u.a. detailorientiert, mechanisch und dem Eigeninteresse zugewandt, reduzieren und die rechte Hirnhälfte, die u.a. das grosse Ganze erkennt, flexibel und grosszügig ist, fördern“
Wenn wir in unsere Welt von heute blicken, hören und fühlen, dann wir bald klar, dass wir uns vor allem in den letzten paar Jahrhunderten - dem sog. Anthropozän - in ein gut wahrnehmbares, wahrscheinlich für viele unbewusstes, problematisches und beängstigendes Ungleichwicht begeben haben. Diese Entwicklung kann ohne weiteres auch als Kolonisierung erkannt werden und verlangt von uns Gegenmassnahmen.
Der britischen Psychiater und Neurowissenschaftlers Dr. Ian McGilChrist drückt dieses heutige Ungleichgewicht - sinngemäss aus der englischen Originalliteratur übersetzt - folgendermassen aus:
„In der Psyche von westlichen Menschen erleben wir die Abbildung einer zunehmend mechanistischen,
zersplitterten, zusammenhangslosen Welt, gekennzeichnet mit unberechtigtem Optimismus und gemischt
mit Paranoia und Gefühlen von Leerheit – als Ausdruck einer weit verbreiteten, kollektiven,
unausgeglichenen, fehlerhaften Funktionsweise der linken Hirnhälfte.“
Die Jahrzehnte-langen Forschungen in seinem Spezialgebiet und das daraus abgeleitete Modell (English documentary "The devided brain") - im Detail beschrieben in seinen Büchern - erklärt diese Entfremdung mit einer charakteristischen Entwicklung der Funktionsweise der zwei Hirnhälften des menschlichen Grosshirns während dieses Zeitraums - ja eigentlich schon im Verlauf der Kulturepochen in Europa seit Christi Geburt im Jahre 0 unserer Zeitrechnung.
Auch wenn er sich von vereinfachten, heutigen, als das nicht sehr hilfreichen Modellen zurecht distanziert (rechts = "weiblich", links = "männlich" etc.), gibt es gemäss ihm, in einer differenzierteren Betrachtung der Thematik, auch klare Hinweise auf erhebliche Unterschiede zwischen der rechten und linken Hirnhälfte:
- Die linke Hirnhälfte ist tendenziell detailorientiert, mechanistisch und dem Eigeninteresse zugeneigt, etc.
- Die rechte Hirnhälfte ist tendenziell mit einer grösseren Breite in der Betrachtung, Flexibilität und Grosszügigkeit ausgestattet, etc.
Die heutige, dominante, westliche Weltsicht ist im weiteren dadurch gekennzeichnet, dass die linke Hirnhälfte sich kollektiv im Mainstream von uns westlichen Menschen aller Geschlechter in den letzten ca. 300 Jahren - dem Anthropozän - eine kulturelle Dominanz angeeignet hat, welche als wachsende "Schattenseite" unserer Kultur für die einseitigen, lebensfeindlichen, globalen Entwicklungen ganz erheblich mitverantwortlich ist - Zerstörung, Ausbeutung der Natur, Kriege, Migration, Naturkatastrophen etc.
Ursprünglich befinden sich beide Hirnhälften in einer gesunden, harmonischen, sich gegenseitig ergänzenden Funktionsweise – wie es häufig bei nicht koloniserten oder dekolonisierten Indigenen und asiatischen Völkern auch heute noch der Fall ist. Und gemäss McGilChrist ist auch wichtig zu betonen, dass beide Hirnhälften - und gerade auch die linke Hirnhälfte - gleichwertig wichtig und notwendig sind für das harmonische und gesunde Mensch-Sein.
Interessant und entscheidend ist schliesslich, dass er gemäss seinem Buch "The Master and His Emissary" zum Schluss kommt, dass eine harmonische, natürliche und ganzheitliche Funktion der koordinierten Hirn-Hemisphären nur dann vorliegt, wenn, gemäss ihren Stärken, die rechte Hälfte "ChefIn (Master)" ist - als VisionärIn und ArchitektIn - und die linke Hälfte als praktische und vielseititig-begabte UmsetzerIn (Emissary) und "Bauleiterin" funktioniert.
Bei der bewussten, dekolonisierenden Anwendung und Übung einer ausgeglichenen, verbundenen, ganzheitlichen Funktion beider Hirnhälften in ihren Kernaufgaben (siehe oben) wird diese Dominanz und Einseitigkeit der linken Hemisphäre durchbrochen. Dafür sind hier ein paar Anwendungsbeispiele:
- kreatives Erschaffen, Visualisieren, Planen und Umsetzen eines Projektes - Wohnung oder Eigenheim/Garten neu einrichten und gestalten, mit und ohne Umzug - als Gesamtschau + detailgerechte Umsetzung
- Komposition von Musik und Umsetzung alleine oder mit Band: Aufführung, Tonträger aufnehmen oder online veröffentlichen - als Kreation + praktische Umsetzung
- Improvisierte Musik oder in einer angeleiteten Gruppe spielen - Trommelgruppe, Singen (im Kanon) an einem geeigneten Ort, ad hoc - als meine Stimme + die singende Gruppe
- Meditationstechniken aus diversen Weisheitstraditionen, bei denen gleichzeitig z.B. der Fokus auf dem Atem ist, jedoch auch zur selben Zeit der ganze Raum um uns herum wahrgenommen wird - als Fokus + endlose Weite
- Interaktives, achtsames Sein in der Natur Baumhütte bauen, Hören und Sehen und Bestimmen von Bäumen, Pflanzen, Tieren (-stimmen), sich eingliedern - sich als Individuum in der Gemeinschaft der Lebewesen erleben
- Nach einer Fortbildung im Beruf - am Arbeitsplatz das Neue visualisieren und konkret umsetzen, integrieren, Mobiliar umstellen, Material bestellen, Personal schulen etc. - Input beruflich + Integration in den Alltag
- etc.
-
Speziell für Menschen in der zweiten Lebenshälfte sind zusätzliche Angaben zum Thema in meinem Buch "Elderhood" auf S. 23 ff., und S.154 ff. zu finden.