Themenkreis: Gleichgewicht

"Vernunft als Weisheit erleben"


„Wir leben in einer äusserst chaotischen Zeit; in einer Zeit von modernem Wahnsinn
befinden wir uns alle in einer sehr schwierigen Situation. Den Menschen fehlt es
an Weisheit und gesundem Menschenverstand!“

S.E. der 7. Dzogchen Rinpoche, Jigme Losal Wangpo


„In der zweiten Lebenshälfte kommt es zur Herausbildung einer reiferen Form der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes, wo die üblichen Konventionen und auch Zwänge durch Lebenserfahrung, Therapieanwendungen und Elderhood-Arbeit (gemäss meinem Buch zum Thema) teilweise oder ganz reflektiert, durchbrochen, angepasst oder überholt werden konnten.
Der Elderhood-Prozess (Reifungsprozess des älteren und alten Menschen) bringt es mit sich, dass wir mit dem Durchbrechen der „Linke-Hirnhälfte-Dominanz“ einerseits die Funktion der rechten Hirnhälfte bewusst gestärkt und die natürliche, gleichgestellte, dynamische Aktivität beider Hirnhälften wiederherzustellen begonnen haben. Die damit verbundene Entwicklung der rechten Hirnhälfte – die gemäss wissenschaftlichen Untersuchungen noch bis ins höchste Alter lernfähig bleibt (Neuroplastizität) und dann die balancierte, reine, gesunde Funktion der linken und rechten Hirnhälfte haben – gemäss der Sichtweise in diesem Buch – eine wesentliche Bedeutung bei der Entwicklung und Realisation von relativer Weisheit in unserem Leben.

Hier erfährt die Vernunft erste und durch die ausgeglichene Funktion der Hirnhälften mitbedingte, wichtige Schritte in die Tiefe, eine gewisse Abgeklärtheit und auf Erkenntnisse des praktischen Lebens angewandte Einfärbung. Sie enthält auch Formen von relativer Weisheit, da die konventionelle Vernunft durch Übungen, Erfahrungen, Klärungen und spirituelle Erlebnisse in Richtung einer individualisierten, persönlichen Sicht eines werdenden Alten&Weisen verlassen werden konnte. Diese Art von gesundem Menschenverstand eignet sich dann schon sehr gut für die Tätigkeit beispielsweise als Mentor- und HeilerInnen innerhalb der Gesellschaft.

Wenn wir allerdings von der Vernunft in unserem Denken, Sprechen und Handeln in einem spirituellen Kontext von relativer, gelebter Weisheit in Verbindung mit Erfahrungen von Absoluter Weisheit sprechen, dann kann Common Sense noch – zu den Qualitäten der reifen Vernunft – zusätzlich in einer ganz anderen, tiefgründigspirituellen Dimension erfahren werden.

In diesem Zusammenhang kommt mir ein Ausspruch meines tibetisch-buddhistischen Hauptlehrers, des 7. Dzogchen Rinpoche Jigme Losal Wangpo, in den Sinn. Es war in der Anfangszeit meiner Hinwendung zum tibetischen Buddhismus vor ca. 25 Jahren, als ich mich mit diesem überraschenden Ausspruch meines Lehrers konfrontiert sah, der sinngemäss sagte:

„Bei der tiefsten Form der Praxis des Buddhismus geht es um eine Praxis der Vernunft und des gesunden Menschenverstands (Common Sense).“

Diese Aussage hatte mich damals ordentlich verwirrt, denn ich kannte diesen Begriff in einem spirituell-religiösen Zusammenhang so noch nicht. Wie konnte es sein, dass tiefgründigste Anwendungen und das Leben im Kontext der Weisheitstradition des tibetischer Buddhismus scheinbar so einfach und unspektakulär beschrieben werden konnten?“

An dieser Stelle möchte ich auf ein paar ausserordentliche Sequenzen aus den spirituellen Vorträgen meines tibetisch-buddhistischen Hauptlehrers hinweisen, die ich als ein langjähriger Student von ihm in meinem Buch "Elderhood" in deutscher Sprache vorstelle. Sie handeln von einer sehr unterschiedlichen, tiefgründig-spirituellen Betrachtung von gesundem Menschenverstand (Common Sense). Das Kennen-Lernen solcher Texte ist heute umso einfacher, weil Rinpoche diese Auszüge aus seinen Lehrreden, Teachings, kürzlich in seinem ersten englischen Buch „Meditation for Modern Madness“ (Meditation für modernen Wahnsinn) für die breite Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

Diese Form der Vernunft beruht dann auf einer natürlichen, tiefen, mystisch-spirituellen Ordnung, die in allen Dingen und im Umgang mit ihnen vorhanden ist. Sie widerspiegelt in diesem Sinn auch, dass, je näher wir Weisheit kommen, die Betrachtung desto essenzieller und einfacher wird – bis wir dann in der Stille und Wortlosigkeit ankommen ...*

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*) Dieser Text im Blog ist ein leicht angepasster Auszug aus meinem Buch "EDERHOOD - Neue, faszinierende Perspektiven für das ALT&WEISE-Werden"