Themenkreis: Dekolonisation

"Was verstehen wir unter Gleichwertigkeit in einer Ganzheitlichen Weltsicht ?"

In diesem Blogbeitrag geht es um eine ausführlichere Beschreibung und Erklärung zum Inhalt des 1. Leitsatzes des Leitbildes "Ganzheitliche Weltsicht" - mit Blickrichtung auf "Dekolonisation" - der folgendermassen lautet:

"Innerhalb der relativen Welt, in der wir leben, werden alle Anteile als egalitär oder gleichwertig angesehen (Planet Erde, Natur, Flüsse, Berge, Tiere, Pflanzen, Mikroorganismen, Menschen etc.) - je länger eine Entität bereits existiert, je wichtiger ist diese und wird entsprechend als LehrerIn der Menschheit geachtet und angenommen."

Die Auseinandersetzung mit sehr interessanten, heutigen Projekten und Initiativen - die bereits in früheren Newslettern und Blogs vorgestellt wurden -, die sich mit einem "Indigenes Weltbild" beschäftigen, hat dazu geführt, dass ergänzend zu diesen ein Leitbild einer "Ganzheitliche Weltsicht" mit 20 Leitsätzen entstanden ist, welches Indigene, traditionelle und heutige, ganzheitliche Grundwerte enthält. 

So wollen wir uns hier nun mit dem 1. Leitsatz und der Thematik Gleichwertigkeit oder Egalität beschäftigen, welche in einem früheren Indigenen Weltbild mit einem der folgenschwersten Schritte der Menschheitgeschichte  - der bewussten Ablösung, der kulturellen Abhebung des Menschen von der Natur - einen  regelrechten Bruch, einen grundsätzlichen Richtungswechsel erlebt hat; mit dessen seither zunehmend zerstörererischen Folgen und Auswirkungen - Naturkatastrophen, Pandemien, Biodiversitätsverlust etc. - haben wir es in den letzten 300 Jahren bis heute im sog. Anthropozän intensiv zu tun bekommen.

Wenn bereits im 1. Leitsatz den Begriff der "relativen Welt" antreffen, dann bedeutet das, dass wir mit der Unterscheidung zwischen "relativer" - der alltäglichen Welt in der wir alle leben - und "Absoluter" Welt - einer Absoluten oder Göttlichen Welt - bereits ganz am Anfang auf die Bedeutung der Spiritualität und/oder Religiosität in diesem Ganzheitlichen Weltbild hinweisen wollen - ohne die metaphysische und mysthische Dimension könnte dieses nicht als ganzheitlich bezeichnet werden.

Die grundsätzliche, natürliche und gelebte Überzeugung, dass Menschen und "Anders-als-Menschen" als eine Einheit innerhalb der Natur und des Mutter-Planeten Erde gleichwertig sind, entstammt Indigenen Nationen und Gesellschaften - seit Beginn der Menschheitsgeschichte vor ca. 2,6 Millionen als Jäger&Sammler lebend - rund um den Globus bis zum heutigen Tag. Mit dieser Herkunft von uns Menschen gelten wir im Grundsatz und auch heute noch alle als ursprünglich "Indigene Menschen". Jäger&Sammler lebten eingefügt, abhängig und den Naturmächten ausgesetzt in engster, auch spiritueller Verbindung, als Teil eines (über)mächtigen, nicht in Frage gestellten (relativen und Absoluten) Ganzen - vor und nach ihrer Auswanderung aus Afrika vor ca. 70'000 Jahren - in allen Teilen der Welt. Auch mit der Sesshaftigkeit, die vor ca. 10'000 Jahren nach und nach einsetzte, gehen wir davon aus, dass die innige Verbindung und die Integration in die Natur bis zur Gründung der ersten europäischen Zivilisationen der Antike - Griechen, Römer etc. - vor ca. 5000 Jahren vielerorts weitgehend erhalten geblieben sind.

* Für die allerlängste Zeit der Menschheitsgeschichte lebten wir Menschen unter uns (!) und als Teil der Natur ("Anders-als-Menschen") als gleichwertige, egalitäre PartnerInnen in einem alles umfassenden, verwandtschaftlichen Weltbild - in das wir uns heute zeitgemäss wieder zu dekolonieren, zu befreien haben.

Charakteristisch für diese Haltung von Indigenen Menschen - aber auch von modernen, ganzheitlichen Ansätzen in der Anthropologie (z.B. gemäss Philipp Decolas in "Jenseits von Natur und Kultur" beschrieben) - besteht die Ansicht, dass alle Anteile - Planet Erde, Natur, Flüsse, Berge, Tiere, Pflanzen, Mikroorganismen, Menschen etc. - beseelt sind und, da sie bereits vor den Menschen existierten, als eigentliche LehrerInnen der Menschen geachtet und verehrt wurden und werden. In diesem Zusammenhang soll auch noch auf die sog. "Gaia-Theorie" hingewiesen werden, auf welche ich auch in einem entsprechenden Kapitel in meinem Buch "Elderhood" vertieft eingehe.


Die Ablösung bzw. das Sich-Abheben von der Gleichwertigkeit, das "Überheblich-werden" gegenüber der Natur - als ein die Wirklichkeit verzerrender, zivilisatorischer Kolonisierungsprozess unserer Kultur und unseres Denkens betrachtet - ist gegenüber der Vorgeschichte (Urgeschichte samt Sesshaftwerdung) vergleichsweise eine kurze euro-zentrische, "zivilisatorische" Geschichte und kann als eigentlicher "Wimpernschlag" in der Menschheitsgeschichte bezeichnet werden; sie ist bis zum heutigen Tag - neben ihren Wertschöpfungen - Bestandteil einer schwergewichtigen "Kehrseite der Medaille", einer dominanten, zerstörerischen, ausbeuterischen, geistig abgekoppelten, westlichen Weltsicht, die heute den ganzen Planeten bedroht (=Anthropozän). 


In dem wir uns an die ursprüngliche, harmonische Gleichwertigkeit aller Teile - Menschen und Anders-als-Menschen - dieses Planeten erinnern und diese in unser eigenes, ein ganzheitliches Weltbild integrieren, können wir uns und unsere westliche Kultur dekolonisieren und von der Basis her beginnen zu heilen.

Ein sehr schönes Beispiel aus der heutigen Zeit dafür ist - in Vernetzung mit "Rewilding Europe - Europa zu einem wilderen Ort machen" - der Schweizerische Nationalpark als "Rewilding-Vorzeige-Pionier" !