Themenkreis: Gleichgewicht
"Nur als pro-biotische Lebewesen können wir Menschen überleben"
In diesem Blogbeitrag geht es um eine ausführlichere Beschreibung und Erklärung zum Inhalt des 5. Leit-satzes der "Ganzheitliche Weltsicht" - mit Blickrichtung auf die Rückkehr in ein "Gleichgewicht" - der folgendermassen lautet:
"Eine wichtige Ergänzung eines ganzheitlich-neuzeitlichen Verständnisses von gesunden Ökosystemen (Pflanzen, Tiere, Menschen für sich und als Teile von grösseren Systemen bis hin zum Planeten Erde) liegt in den lebendigen und dynamischen Wechselwirkungen mit ihren, in ihnen lebenden und sie umgebenden, Mikrobiota (in Symbiose lebenden Mikroorganismen), die ebenfalls als spezifische Teile für Indigene Menschen wichtigen Biocommunity (Regionale Einheit aller Anteile der Natur samt Mensch) verstanden werden"
Die Auseinandersetzung mit heutigen, Indigenen Projekten und Initiativen - die bereits in früheren Newslettern und Blogs vorgestellt wurden -, die sich mit einem "Indigenes Weltbild" beschäftigen, hat dazu geführt, dass ergänzend zu diesen ein Leitbild einer "Ganzheitliche Weltsicht" mit 20 Leitsätzen entstanden ist, welches Indigene, traditionelle und heutige, ganzheitliche Grundwerte enthält.
Als Analogie zu einem gesunden Zusammenleben von uns Menschen in Gemeinschaft mit dem Planeten Erde gibt es seit ungefähr 20 Jahren erst die Erkenntnis, dass unser menschlicher Organismus - als ein gegen aussen offenes, und verbundenes Ökosystem betrachtet - ohne seine ca. 39 Billionen Mikroorganismen (= ungefähre Anzahl von Zellen in einem menschlichen Organismus / 39'000 Milliarden), die sich im Inneren unseres Körpers befinden, gar nicht leben könnte. Die Gesamtheit aller Mikroorganismen wird Mikrobiota oder Mikrobiom genannt. Das Mikrobiom in jedem von uns Menschen (als "Wirte") leistet einen erheblichen Beitrag zur Gesundheit unseres Immunsystems, der Verdauung und Stoffwechsels und des Hormonsystems (Training von Immunzellen) während unseres gesamten Lebens.
So können wir uns mit dem, wahrscheinlich anfangs eigenartigen anmutenden Phänomen anfreunden, dass kein Mensch nach seiner Geburt je mit sich "allein" ist oder sein kann ...! Unser Organismus wird 24/365 als "WG" von verschiedenen Keimen bewohnt - ohne dass wir je gefragt worden sind; wir leben permanent in einer bewussten oder unbewussten Gemeinschaft mit den Mikroorganismen in uns; in unserem Organismus oder Körper-Haus spielt sich, wenn wir gesund sind, ein meist durch uns unbemerktes, als selbstverständlich angenommenes, fein austariertes Team-work statt.
Allerdings leben wir schon länger im Zeitalter eines von der westlichen Kultur dominierten Anthropozän in einer "Antibiotischen Zeit", einer Zeit, die sich grundsätzlich und in ihrem politischen und wirtschaftlichen Mainstream durch die Folgen unserer Handlungen immer öfter gegen das Leben (Anti - gegen, Bios - das Leben), aber auch speziell gegen die Mikroorganismen gewandt hat. Anstatt die uralte Gemeinschaft von Mensch und Kleinstlebewesen in einer gemeinsamen, ausbalancierten Entwicklung bewusst (probiotisch) zu unterstützen, werden in unserer Kultur durch - für uns alle - ungesundes Essen und den Einsatz zu viel Antibiotika und Desinfektions-Chemikalien gegen sie eingesetzt, was den "Teufelskreis" immer weiter verschäft (Bildung von resistenten Keimen).
In ihrer Symbolik ist die einseitige, "medizinisch-pharmakologische und antibiotische Schlacht gegen die Mikroorganismen", in uns und um uns, - für ihre Einseitigkeit im Anthropozän typisch - mit einem eingeengten Fokus gegen die krankheitsauslösenden Keime in ihrer Konsequenz selbstzerstörerisches, unbedachtes, nicht nachhaltiges Unternehmen, eine Schlacht gegen, statt für das Leben (Anti- statt Probiose). Wir benötigen aber:
PRO-BIOSE anstatt Anti-biose
Aber: statt flächendeckende Antibiose benötigen wir heute eine weitgefächerte, nachhaltige Probiose (mit punktuellem Einsatz von Antibiotika) !
Ein gesundes Miteinander (Pro-biose = für das Leben) mit den in und um uns lebenden Mikroorganismen - und damit die gezielte und bewusste Förderung deren Biodiversität (was wiederum sehr effektvoll gegen die natürliche Abwehr von pathogenen Mikroorganismen wirksam wäre) - würde im Verständnis der Ganzheitlichen Weltsicht gleichzeitig eine Rückkehr zu einer bedeutungs- und respektvollen Umgang mit allen Teilen der Natur und dem Gesamtorganismus Erde bedingen. Ein solcher Prozess hätte mittel- und langfristig zur Folge, dass es (wieder) "Frieden" mit den Mikroorganismen geben kann, nota bene die ältesten Kreaturen auf unserer Mutter Erde. Interessant sind in diesem Zusammenhang die probiotische Ansätze und Erfolge beim Einsatz von sog. "Effektiven Mikroorganismen (EM)" o.ä.
Eine zusätzliche und spezielle Bedeutung hat in diesem Zusammenhang das, was die Erkenntnisse von "Indigenen Wissenschaften" der Indigenen Menschen der Erde eine "Biocommunity" nennen. Indigene Menschen lebten und leben meist in inniger und respektvoller Verbindung, Austausch und Gleichgewicht mit den regionalen Tieren, Pflanzen, Bäumen, Flüssen und Bergen etc. in einer Biocommunity von allem was sie umgibt - auch die Mikroorganismen - als integrierter und fürsorglicher Teil einer Indigenen Weltsicht, die sie auch mit regelmässigen Ritualen pflegten und pflegen. Die präzisen und umfassend-sorgfältigen Beobachtungen der Indigenen Völker in ihrer, regionalen Biocommunity bilden eine regelrechte, Indigene und zutiefst nachhaltige Wissenschaft (im Gegensatz zu vielen westlichen Wissenschaften) für einen durch sie bewohnten, begrenzten Lebensraum.
Gemäss dem anthropologisch-ethnologischen Modell (eine "Anthropologie jenseits von Natur und Kultur") von Phillipp Decolas, einem namhaften Professor und Forscher in diesem Gebiet, ist eine Lebensweise für Indigene Menschen chrakteristisch, in der eine in unterschiedlicher Form auftretende "Beseeltheit" (animistisch, totemistisch, analogistisch etc.) aller Teile der Biocommunity ein wesentlicher Kern der Weltsicht und des damit verbundenen Lebensstils darstellt; diese ist in einem völlig anderen, tiefgründigen Verständnis nachhaltig, als wir uns das jemals vorstellen könnten. Für die Entwicklung einer wieder grundlegend lebensförderlichen Lebensweise im Westen, ist es daher sinnvoll eine Indigene Weltsicht als LehrerIn zu verwenden.